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"SONIA KACEM - LE SUPERFLU"

"SONIA KACEM - LE SUPERFLU"

30.10.2021 Ausstellung im Museum Haus Konstruktiv, Zürich, bis am 16. Januar 2022


Bild oben: Sonia Kacem, Gewinnerin Zurich Art Prize 2021 - Foto: Gunnar Meier

Der jährlich vom Museum Haus Konstruktiv und der Zurich Insurance Group Ltd vergebene Zurich Art Prize geht 2021 an Sonia Kacem (*1985 in Genf, lebt und arbeitet in Amsterdam). Die schweizerisch-tunesische Künstlerin ist die 14. Gewinnerin dieser Auszeichnung. Der mit CHF 100'000 dotierte Preis setzt sich aus einem Budget von CHF 80'000 für die Produktion einer Einzelausstellung im Museum Haus Konstruktiv und einer Preissumme von CHF 20'000 zusammen.

Sonia Kacem zeichnet sich in ihrer künstlerischen Arbeit durch eine hohe Sensibilität für Materialien aus, die sie dem alltäglichen Konsumkreislauf entnimmt: Darunter finden sich verarbeitete, teils aus Secondhandläden oder Onlineshops bezogene Produkte unterschiedlichster Art, etwa Sonnenmarkisen oder Alltagstextilien, aber auch Werk- und Rohstoffe wie Vinyl, Farbe oder Holz, die sie zufällig entdeckt oder direkt von den jeweiligen Produktionsstätten bezieht. Aus ihnen entwickelt die Künstlerin raumgreifende installative und skulpturale Anordnungen, in denen sie mit unserer Erwartungshaltung hinsichtlich der Beschaffenheit und Funktion der Materialien spielt. Kacems Interesse gilt dabei insbesondere dem Ausloten unterschiedlicher Spielarten von Abstraktion, den Übergangen von Fläche und Volumen oder auch Fragen der Massstäblichkeit. Ihre Inszenierungen eröffnen ein weites Feld von Assoziationen und hybriden kulturellen Kontexten. Formal verweisen sie auf verschiedene Epochen und Stilrichtungen der Kunstgeschichte, Einflüsse der Minimal Art sind genauso zu erkennen wie solche des italienischen Barocks oder der arabisch-islamischen Kunst.

Für ihre Ausstellung im Museum Haus Konstruktiv hat Kacem ihre langjährige Beschäftigung mit Farbe, Muster, Dekoration, Ornament, Kalligrafie und dem Gestischen weiterverfolgt. Ihre Einzelausstellung auf den ersten beiden Stockwerken des Hauses steht in einem engeren Zusammenhang mit ihrem sechsmonatigen Atelierstipendium in Kairo 2019 und insbesondere der darauffolgenden Zeit, die geprägt war von einem pandemie-bedingt zurückgezogenen Leben und Arbeiten in Amsterdam. In Kairo vertiefte die Künstlerin ihre Recherchen zur nichtfigurativen Kunst des Nahen Ostens, zu deren kalligrafischen, geometrischen und floralen Formen, kommt ihnen doch eine andere Funktion und Bedeutung zu als der Abstraktion in der westlichen Kunst- und Kulturgeschichte der Moderne.

Bild: Sonia Kacem, Installationsansicht Atelier Sonia Kacem, "Ensemble of five (between two waves)", 2020-2021- Foto: Gunnar Meier

Solche Recherchen sowie alltägliche Eindrücke aus der nordafrikanischen Metropole verarbeitete Kacem in Fotografien, Kurzvideos und Aquarellen. Zurück in Amsterdam und im Lockdown, konnte Kacem vor allem Letztere als reiche Inspirationsquelle für die Entwicklung einer neuen Gruppe von Wandobjekten nutzen, deren Grösse auf den häuslichen Kontext verweist, in dem sie entstanden sind. Sie werden im ersten Stock zusammen mit zwei früheren Werkgruppen präsentiert. Und auch die immersive Installation, die sich nach eingehender Auseinandersetzung der Künstlerin mit der Museumsarchitektur raumgreifend im Erdgeschoss entfaltet, ist von den bildhaften Notizen aus Kairo inspiriert. Sie also bilden ideell den roten Faden, der die beiden Ausstellungsräume miteinander verbindet.

Die Längswände im Erdgeschoss sind mit zwei hölzernen Wandkonstruktionen versehen. Die halbrunden Ausbuchtungen erinnern zum einen an Erker oder Balkone, also an architektonische Strukturen des Übergangs zwischen öffentlichem und privatem Raum. Zum anderen ähneln sie Halbsäulen, denen als Fassadengliederung oder -schmuck Ornamentcharakter zukommt. Eng umspannt ist die Scheinarchitektur von halbtransparenten Textilien. Die auf die Stoffe gedruckten Motive in Grün und Orange entstammen Kacems Studienbüchern aus Kairo. Digital vergrössert und vervielfacht greifen sie in die Dreidimensionalität des Ausstellungsraums hinein, ohne jedoch ihre Verbindung zur ursprünglich manuellen Geste des Aquarellierens zu verlieren. Die Titel der beiden installativen Strukturen, "Façade Superflue (Plume)" und "Façade Superflue (Couronne)" benennen das jeweilige Motiv: Feder und Krone. Und sie bringen einen wichtigen Begriff ins Spiel, der zugleich die Ausstellung als Ganzes betitelt: "Le Superflu". Sonia Kacem verschafft hier dem vermeintlich Überflüssigen, Unnötigen, das häufig mit Ornamentik und dem Dekorativen in Zusammenhang gebracht wird, den grösstmöglichen Spielraum.

Dies gilt auch für die im Raum verteilten Skulpturen wie "Untitled (Wave)" oder "Untitled (Brush Stroke)", die ihren Ursprung ebenfalls in kleinformatigen Bildern haben: Für die Ausstellung hat die Künstlerin die aquarellierten Linienformationen stark vergrössert aus Wabenkarton ausgeschnitten. Wie ihre Vorlagen oszillieren die Objekte formal zwischen Pinselstrich, Zeichen und Paraphe, während ihr Massstab eher an Kunstwerke im öffentlichen Raum denken lässt. Die Kartonskulpturen und zweiteilige Wandinstallation erzeugen zusammen eine soghafte Szenerie ornamentaler Elemente, durch die Innen- und Aussenraum ineinander übergehen – eine wahre Feier des "Superflu".

Die Objekte, die an den Wänden im ersten Stockwerk ausgestellt werden, zeugen ebenfalls von Kacems Interesse für Materialien und die Bedeutungs- und Wertzuschreibungen, die sie je nach Produktions- und Präsentationsweise evozieren. Hier gestreifte Sonnenmarkisen ("Ensemble of Nine Wall Sculptures", 2016), die zu raffinierten Faltungen drapiert sind, dort mit Kunstharz überzogene, kostbar schimmernde und schwerelos wirkende Holzgebilde ("Ensemble of 30 Signs", 2018). Die zeichenhaften Formen, die auch Züge einer Schrift aufweisen, sind ebenfalls bedeutungsgeladen. Obschon eine gewisse Systematik von Wiederholung und Spiegelung der Elemente nachzuvollziehen ist, bleibt der Versuch einer Entschlüsselung letztlich ohne Erfolg.

Hinzu kommen ovale und abgerundet-rechteckige sowie konvexe und konkave Wandobjekte, die mit Stoffen eng bespannt sind. Wie Gerippe pressen die hölzernen und metallenen Gerüste von "Ensemble of Five (Beween Two Waves)" (2020/21) gegen ihre textilen Hüllen und erzeugen dadurch Ausstülpungen, die in ihrer Körperlichkeit überraschen und irritieren. Mit ihren glänzenden Oberflächen, schrillen Farben und geheimnisvollen Formen buhlen die Objekte im Ausstellungsraum um die Aufmerksamkeit des Publikums und erzeugen, ähnlich wie auffallende Schmuckstücke, eine kunstvoll und zugleich künstlich anmutende Wirkung.

Die Werkgruppe "Ensemble of Three (Convex)" von 2021 weist ebenfalls glänzende textile Oberflächen auf, die von den darunterliegenden Konstruktionen in Spannung versetzt werden. Hinsichtlich ihrer nach aussen gewölbten Form erinnern sie an gepolsterte Möbel, dekorative Säulenfragmente oder auch an die bespannten Scheinarchitekturen im Erdgeschoss, wiewohl in kleinerem Massstab. Im Zeichen von "Le Superflu" werfen auch sie die Frage nach ihrem Nutzen, ihrer Funktion oder Entbehrlichkeit auf. Die Künstlerin selbst beschreibt die Arbeit an den während des Lockdowns entstandenen Werken der Ausstellung als trivial und bedeutungsvoll, unterhaltsam und essenziell zugleich.

Sonia Kacem studierte an der Haute école d’art et de design (HEAD) in Genf (2006–2011). Sie hat bereits mehrere Preise und Stipendien erhalten, u. a. die Residency in der Fondation CAB, Brüssel (2020), das Atelierstipendium des Townhouse, Kairo (2019), die Residency an der Rijksakademie van beeldende kunsten, Amsterdam (2016/2017), den Kiefer Hablitzel Preis, Basel (2015), das vom Fonds cantonal d’art contemporain de Genève vergebene Arbeitsstipendium in New York (2014), den Manor Kunstpreis (2014) und den Swiss Art Award, Basel (2013).

mhk

Kuratorin: Sabine Schaschl

Kontakt:

https://www.hauskonstruktiv.ch/deCH/ausstellungen/ueberblick/jahresprogramm-2021.htm

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Bild: Sonia Kacem, Ausstellungsansicht Museum Haus Konstruktiv Zürich, 2021 - Foto: Stefan Altenburger

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