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"M.S. BASTIAN / ISABELLE L. - PULPOKOSMOS: Eine Abenteuerfahrt durch eine schauerlich schöne Welt"

"M.S. BASTIAN / ISABELLE L. - PULPOKOSMOS: Eine Abenteuerfahrt durch eine schauerlich schöne Welt"

09.09.2021 Ausstellungen im Kunsthaus Grenchen, bis am 9. Januar 2022


Bild oben: M.S. Bastian / Isabelle L., "ROOARAR Affiche Strapazin Nr. 3", 1999, Siebdruck © M.S. Bastian / Isabelle L.M.S.

M.S. Bastian (*1963) und Isabelle L. (*1967) sind hierzulande keine Unbekannten. Seit knapp 20 Jahren arbeitet das Künstlerpaar zusammen. Inspiriert von der Bildsprache der Comics wie auch von der Kunstgeschichte kreieren sie üppige und wilde Bildwelten voller Witz, Ironie und Hintergründigkeit.

Die Ausstellung im Kunsthaus Grenchen ist zweiteilig. Während in der Villa Girard das druckgrafische Gesamtwerk im Zentrum steht, welches das Künstlerduo 2018 dem Kunsthaus als Schenkung überlassen hat, haben M.S. Bastian und Isabelle L. im Neubau eine überbordende Installation eingerichtet.

Bild: M.S. Bastian / Isabelle L., "Pulpokosmos 1", Mixed Media
© M.S. Bastian / Isabelle L.

NEUBAU

Zum ersten Mal nach über 20 Jahren greifen M.S. Bastian und Isabelle L. eine lange vernachlässigte Praxis wieder auf und schaffen im Neubau unter dem Titel "PULPOKOSMOS" aus alltäglichem, preiswertem Material – unterlegt mit Musik und in besonderes Licht getaucht – eine üppige, wilde Installation zwischen Geisterbahn, musée intime und innerer Reise. "Pulpokosmos" wird im Kunsthaus Grenchen zum ersten Mal präsentiert. Die nächsten Jahre soll er in veränderter Form auch an anderen Kunstorten gezeigt werden. In diesem Sinne ist "Pulpokosmos" gleichzeitig Zusammenfassung und ephemerer Zustand der Bildwelt von M.S. Bastian und Isabelle L.

Im Zentrum der Installation thront "Pulp" – die von M.S. Bastian in den frühen 1980er-Jahren eingeführte Comicfigur, die auch in den gemeinsam mit Isabelle L. geschaffenen Werken immer wieder vorkommt und inzwischen zum Markenzeichen des Künstlerdous geworden ist. Lebensgross sitzt er in der Mitte des Raumes an einem Tisch, vor sich eine Flasche Tequila der Marke "Super Pulp". Wie der Titel "PULPOKOSMOS" suggeriert, ist "Pulp" sowohl Meister dieses Universums als auch dessen Hauptfigur. Gemalten Plakaten entnehmen wir, dass er eine Hauptrolle spielt in Filmen wie "King Kong – directed by M.S. Bastian / Isabelle L.", "Stoned Pulp Rät" oder "Attack of the Crack Pulp Monster". Er tritt aber auch als Superman auf und singt in einer Band mit dem Namen "Led Pulp". Er schleicht sich auf umgedeutete Covers von Comic-Klassikern wie Hergés "Tintin in Amerika" oder "Le Lotus Bleu" (vgl. "Le Lotus Pulp"). Und zur Entspannung macht er ganz zeitgemäss Yoga.

"Pulp" ist allerdings nicht nur die Erfindung des Künstlerpaars, sondern auch ihr Alter Ego. So ist das kleine dreidimensionalen Selbstporträt, in dem wir M.S. Bastian und Isabelle L. in ihrem Atelier bei der Arbeit zuschauen, mit "Pulpomania" (2019-2021) betitelt – es scheint, als seien die beiden Kunstschaffenden dieser Kreatur hoffnungslos verfallen.

Eingeflochten in diesen Kosmos sind einige monumentale Hauptwerke von M.S. Bastian und Isabelle L. Darunter "Guernopolis" (2012–2015), "Bastomania" (2018+2020), "Bastokalypse" (2010) und "Päng City" (2016+2018). Es sind überwältigende Wimmelbilder, die inspiriert sind von der Begegnung mit Klassikern der Kunst- oder Filmgeschichte – ergänzt mit eigenen Erfahrungen, Reiseerlebnissen und Lektüren. In ihnen manifestiert sich aber auch das ausgeprägte Interesse des Künstlerduos am Zeitgeschehen und an der Geschichte der westlichen Gesellschaften.

"Guernopolis" (2012-2015) ist – wie der Titel offenlegt – inspiriert von Pablo Picassos Gemälde "Guernica", das dieser 1937 als Reaktion auf die Zerstörung der spanischen Stadt Guernica durch die deutsche und italienische Luftwaffe malte. Es gilt als eine der berühmtesten künstlerischen Stellungnahmen zu Krieg und Gewalt, Zerstörung und menschlicher Grausamkeit. M.S. Bastian und Isabelle L. interpretieren diese kunsthistorische Ikone in ihrer Bildsprache und zeigen die Menschheit in einem unüberblickbaren Gedränge des Leidens.

Der Bildzyklus "Bastokalypse" (2007-2008) ist ein kühn komponierter Reigen. Auf einer Länge von 50 Metern, die hier mangels Platz leider nicht voll ausgerollt werden können, zeigt er die Grausamkeit, zu der die Menschheit fähig ist – von zwischenmenschlichen Gewaltakten bis zu staatlich organisiertem Morden wie beispielsweise in den Vernichtungslagern der Nazis. Den Topos der Apokalypse aufnehmend, welche seit biblischen Zeiten Visionen und Träume des kommenden Weltendes thematisiert, scheint die "Bastokalypse" das ganze Entsetzen über eine Welt voller Kriege und Massaker zusammenzufassen – "ein beklemmender Ausdruck der Frage nach der Sinnhaftigkeit von Bildern angesichts realen menschlichen Leidens" (Alice Henkes).

Neben der europäischen Kunst und dem Comic stellen auch Kunstwerke aus der globalen Kunstgeschichte, wie z.B. afrikanische oder ozeanische Skulpturen, oder aber Bilder unserer Alltagswelt, wie Werbeplakate und Verpackungen, einen wichtigen Bezugspunkt dar. Kurz: Es gibt eigentlich kein Bild, das nicht vor Vereinnahmung und Weiterentwicklung durch das Künstlerpaar sicher wäre – auch die eigenen Bilder nicht.

So arbeiten M.S. Bastian und Isabelle L. unter dem Motto "Feed Your Eyes" vorwiegend mit dem Zitat und der Anspielung, für deren Verarbeitung sie eine Methode anwenden, die dem Sampling ähnelt, wie man es aus dem Rap kennt. Fragmente und Loops aus alten Aufnahmen werden rezykliert, um sie zu neuen Songs zu montieren. Genauso verfahren M.S. Bastian und Isabelle L.: Sie kopieren fremde und eigene Bilder, zerlegen das Rohmaterial und collagieren es zu neuen Kompositionen. Dass dabei verschiedene Elemente immer wieder in neuen Zusammenhängen auftauchen, hat System. Arbeitet das Paar doch wie Musiker mit Leitmotiven und Kontrapunkten; sie suchen einen Rhythmus und arrangieren die Elemente zu Strophen und Refrains.

Ein kleines Schild am Anfang der Ausstellung, gleich unten rechts an der Wand platziert, verweist schliesslich auf das Fundament dieser Kunst: den Dadaismus. Er stellt eine äusserst radikale Absage an die bürgerliche Kultur dar und war ein kräftiger Impuls für Kunstströmungen, die für M.S. Bastian und Isabelle L. ebenfalls sehr wichtig sind – darunter die Pop Art, der Surrealismus sowie die Konzept- und Objektkunst. Frei nach dem Zitat von George Grosz (1893–1959) auf einem Plakat zur "Ersten Internationalen Dada-Messe" im Jahr 1920, ersetzt das Künstlerduo das Wort "Dada" mit "Pulp" und rät: "Nehmen Sie Pulp ernst, es lohnt sich." Zusammen mit der über dem Eingang hängenden Fahne mit dem Text "Create – Don't Destroy" könnte dies als Motto verstanden werden für die gesamte Inszenierung, welche mit ihrer einfachen Bildsprache die Betrachtenden fast unmerklich in unbekannte, witzig-freche, künstlerische Sphären und immer wieder auch in ernste, oder alltägliche Themengebiete führt. 

VILLA GIRARD

In der Villa Girard steht das druckgrafische Gesamtwerk von M.S. Bastian und Isabelle L. im Zentrum, welches das Künstlerduo 2018 dem Kunsthaus als Schenkung überlassen hat. Es umfasst insgesamt 112 Blätter und Mappen, die zwischen 1985 und 2016 entstanden sind. Die Verfahren der multiplizierten Kunst sind essentieller Bestandteil des Werks und der Arbeitsweise des Künstlerduos. Meist handelt es sich um Serigrafien oder Offsetdrucke, die oft parallel zu Publikationen, Plakaten, Illustrationen oder Comix entstanden. Comix ist die Kurzform von "Communication-Mix-Art". Diese Kunstrichtung kommt alleine mit zeichnerischen Elementen aus – im Gegensatz zum traditionellen Comic, das u.a. auch mit Sprechblasen arbeitet.

Die Ausstellung präsentiert in thematischen Gruppen eine Auswahl aus dem Gesamtwerk. Auf die Eigenschaften der Druckgrafik bezugnehmend, werden auch Zustandsdrucke und verschiedene Farbvarianten der gleichen Druckplatte gezeigt. Zusammen mit den Skizzenbüchern und Druckvorlagen (1990–2021) in den beiden Vitrinen im Obergeschoss geben sie nicht nur Einblick in den Entstehungsprozess der Grafiken, sondern ganz grundsätzlich in die Arbeitsweise des Künstlerpaars. Während der "Pulpokosmos" im Neubau als eine alle Sinne ansprechende Totalinstallation einer visuellen Überforderung gleichkommt, lassen sich in der Ausstellung zum druckgrafischen Werk einige Inspirationsquellen und Referenzen, Figuren und Themen isoliert betrachten.

Bild: M.S. Bastian / Isabelle L., "Flash", 1995, Siebdruck © M.S.
Bastian / Isabelle L.

ERDGESCHOSS

Im Erdgeschoss sind verschiedene Figuren zu sehen, die immer wieder auftauchen. "Bastian-World" (1996), die "Selbstporträts" (2000) oder das Blatt "Rendez-vous des amis" (2003) versammeln einige davon in unterschiedlichen Szenarien. Darunter Mickey Mouse und "Pulp", der bereits im Neubau seinen grossen Auftritt hat. Die eher kleinformatigen Werke handeln von seinen Abenteuern: Er fährt im "Pulpmobil" (um 2005) oder mit der M.S. Bastian ("Nur der See kann ich treu sein", 2010) und erzählt von seinen Erlebnissen in den "Gutenacht-Geschichten" (2004). Mickey Mouse, die wohl berühmteste Zeichentrickfigur der Welt, erscheint auf mehreren Blättern. Sie wir hier allerdings nicht als süsse, lustige Maus dargestellt, sondern vielmehr als ein zu Aggression und Gewalt neigender Verrückter. Dies könnte eine Hommage an Roy Lichtenstein (1923–1997) sein, der als erster Motive des Comic, insbesondere Mickey Mouse, in der Malerei zitierte. Es könnte aber auch als eine Anspielung auf die erste grosse Arbeit des von M.S. Bastian und Isabelle L. gleichermassen geschätzten Underground Comic-Autors Art Spiegelman verstanden werden. In seinem Comic "Maus. A Survivor’s Tale" ("Maus – Die Geschichte eines Überlebenden" 1980-1991), das die Geschichte seines Vaters, eines Holocaust-Überlebenden, in Form einer Fabel erzählt, werden die Juden als Mäuse, die Deutschen als Katzen, die US-Amerikaner als Hunde dargestellt. Viele Werke reflektieren zudem die Atmosphäre der Grossstadt und betonen das Absurde und Groteske der Menschenmassen, der Hektik, der Gewalt wie etwa "Tuur-Tuut", (1995) oder "Wää – Ping – Socko" (1995).

OBERGESCHOSS

Die 12 Blätter umfassende "New York"-Mappe (1991) entstand nach einem Aufenthalt M.S. Bastians in der US-amerikanischen Metropole. In mehrfarbigem, wildem Mix von Zeichnung und Schrift werden Zitate aus der Kunst mit Alltagserfahrungen zusammengebracht. Da steht das Standardmenu des chinesischen Fast Food (von Fried Chicken über Fried Baby Shrimp bis zu Fried Rice) neben der "Campbell Soup Can" von Andy Warhol (1928–1987), oder es wird Bezug genommen auf Motive und auf die gestische, unmittelbare Arbeitsweise eines Jean-Michel Basquiat (1960–1988).

Die 20-teilige Mappe "Meta-Picasso" (1988) wie auch die drei Serigrafien "Guernika" (1995) beziehen sich wiederum auf Pablo Picasso. Noch etwas deutlicher als in "Guernopolis" nimmt M.S. Bastian hier die multiperspektivische Darstellung von Figuren und Gegenständen als Gestaltungselement auf, welches für Picassos Kubismus charakteristisch ist.

Als vordergründig idyllisches Gegenbild zur Aggressivität und Hektik der Stadt, präsentieren sich die Landschaften. Die verspielt-zauberhaften Blätter sind denn auch mit "Paradis mystérieux" (2013) oder "Paradis fantastique" (2013) betitelt. Auch hier lassen sich verschiedene Inspirationsquellen identifizieren. Darunter beispielsweise die Farbholzschnitte von Hokusai (1760–1849), der unter anderem mit seiner Serie "100 Ansichten des Berges Fuji" Bekanntheit erlangte. Das Blatt "Forêt magique" entstand als Vorzugsausgabe zur Publikation "100 Ansichten von Bastropolis" (sic!) (Benteli Verlag Bern, 2007). Es nimmt das Motiv auf, das M.S. Bastian und Isabelle L. 2004 auf der Rückseite des Wohnhauses an der Bachstrasse 5a in Grenchen als Kunst-am-Bau-Auftrag realisieren konnten.

Das älteste Werk in der Ausstellung, "Mach dich lieber tot" (1985), verweist schliesslich auf die Ursprünge des Schaffens von M.S. Bastian, der bereits während seines Studiums an der Schule für Gestaltung Biel in den 1980er-Jahren mit dem Medium Comic in Berührung kam. Wie das ausgestellte Blatt zeigt, entwarf M.S. Bastian bald eigene Bildergeschichten. Über das Zürcher Comic-Magazin "Strapazin" lernte er Thomas Ott und Andrea Caprez kennen und gehörte bald darauf selber zu den Hauszeichnern von "Strapazin". In diesem Kontext sind die Werke "10 Jahre 'Strapazin'" (1994) und "ROOARR" (1999) entstanden – ersteres als Cover der Jubiläumsausgabe des Magazins, letzteres als Plakat für die Ausgabe Nr. 3/1999.

Claudine Metzger, Künstlerische Leiterin Kunsthaus Grenchen

Zur Ausstellung erscheint ein Künstlerbuch, gestaltet von Roland Fischbacher, 64 Seiten, 64 Abbildungen, ISBN 978-3-906747-16-3, CHF 20.00

Kontakt:

https://kunsthausgrenchen.ch/ausstellung/aktuell/

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Bild: M.S. Bastian / Isabelle L., "Suchbild der Hund", 1993,
Siebdruck © M.S. Bastian / Isabelle L.

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