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FLORIN GRANWEHR: "ORDNUNG IST DER SAUM DES CHAOS"

FLORIN GRANWEHR: "ORDNUNG IST DER SAUM DES CHAOS"

30.10.2021 Ausstellung im Museum Haus Konstruktiv, Zürich, bis am 16. Januar 2022


Bild: Florin Granwehr, Ausstellungsansicht Museum Haus Konstruktiv, Zurich, 2021 - Foto: Stefan Altenburger

Das Museum Haus Konstruktiv würdigt den Künstler Florin Granwehr (1942–2019) mit einer Retrospektive. Der Plastiker und Zeichner hat ein vielschichtiges Œuvre hinterlassen, das neben mehreren realisierten Kunst-am-Bau-Projekten und Plastiken im öffentlichen Raum eine Fülle von kaum veröffentlichten Skizzen, Modellen und Zeichnungen umfasst. Mit einer exemplarischen Werkauswahl wird das Granwehrsche Schaffen nun in seiner ganzen Bandbreite gezeigt.

Viele Schweizerinnen und Schweizer dürften der einen oder anderen Grossplastik von Florin Granwehr schon begegnet sein: Insbesondere im Kanton Zürich konnte der gebürtige St.Galler, der bereits in den 1960er-Jahren in Zürich seine Wahlheimat fand, verschiedene Werke im öffentlichen Raum realisieren, so zum Beispiel "Raumwandler" (1984) auf dem Campus Irchel der Uni Zürich, "Axiomat" (1990) am Schiffsteg in Wollishofen oder "Angulon" (1999) vor dem Bezirksgebäude. Eine der letzten von ihm ausgeführten Arbeiten, "Transeunt", steht seit 2005 vor dem "Schwesternhaus" des Universitätsspitals Zürich.

Die Ausstellung im Museum Haus Konstruktiv zeigt, dass Granwehrs vollendeten Plastiken stets ein vielstufiger Arbeitsprozess vorausging, der von ersten schnell angefertigten Ideenskizzen auf Papierservietten über akribisch genaue Zeichnungen, plastische Drahtentwürfe und exakte Holzmodelle führt. Dass der Bildhauer im Stillen ein über 40'000 Blätter umfassendes zeichnerisches Werk entwickelt hat, an dem er bis 2018 unentwegt arbeitete, wird in der Ausstellung ebenfalls thematisiert.

Die im vierten Stockwerk eingerichtete Schau beginnt in der Passerelle mit einer Auswahl fotografischer Impressionen aus Granwehrs Atelier an der Südstrasse im Zürcher Seefeld, die 2019, nach Granwehrs Tod, aufgenommen wurden. Zu sehen sind verschiedene, mit selbst entworfenem Mobiliar bestückte Räume eines mehrstöckigen Riegel- beziehungsweise Fachwerkhauses, in denen sich der Künstler täglich über zehn Stunden aufhielt und arbeitete. Dass Granwehr einen Sinn für Ordnung und mitunter eine Vorliebe für serielle Anordnungen hatte, spiegelte sich nicht nur in seinem künstlerischen Tun, sondern auch in seinem alltäglichen Leben wider: Werkzeuge, Teller, Tassen, Pfannen, Hemden oder Werkzeuge – sie alle wurden fein säuberlich übereinandergestapelt, aneinandergereiht oder -gehängt.

Die in Vitrinen ausgestellten sogenannten Serviettenzeichnungen geben Einblick in Granwehrs Gedankenwelt. Der Künstler hielt seine ersten Ideen stets mit Filzstift auf simplen Papierservietten fest; sie bilden die Basis, von der aus er seine Zeichnungen, dreidimensionalen Modelle, Plastiken und Kunst-am-Bau-Projekte weiterentwickelte. 

Im ersten Raum begegnen die BesucherInnen zwei dreiteiligen Grossplastiken aus Holz ("Voluwandler", 1985) und Stahl (Titel und Datierung unbekannt). Einer Skyline ähnlich, zeugen die nach oben schmaler werdenden, in sich ruhenden Setzungen von einem geschickten Umgang mit Skulptur und dem sie umgebenden Raum. Auch Granwehrs Interesse am Verhältnis zwischen Zahlen, Proportionen und Volumen kommt darin gut zum Ausdruck. Während die grauen Stahlstabkonstruktionen aus sechs übereinaderliegenden, jeweils nach links oder rechts oder alternierend nach links/rechts rotierenden, stetig kleiner werdenden Würfeln raffinierte Durchblicke eröffnen, thematisieren die weiss bemalten Holztürme die Wahrnehmung von Volumen und Silhouette. Die jeweils elf beziehungsweise zweiundzwanzig Elemente – jedes etwas kleiner als das vorangehende – liegen so aufeinander, dass ihre Umrisslinien einmal linear, einmal konvex und einmal konkav erscheinen. "Kontur definiert Kurve und Gegenkurve", schreibt Granwehr 1995, "Kontur macht Form erfahrbar." Die turmartigen Plastiken werden von frühen Tuschezeichnungen aus den 1970er- und frühen 1980er-Jahren begleitet. Einige dieser Blätter nehmen Themen aus dem plastischen Œuvre auf und führen sie weiter; in anderen Blättern spielt Granwehr mit einfachen geometrischen Formen und erzeugt durch diese eine räumliche Wirkung.

Granwehrs Werke sind stets nach einer auf Mathematik und Geometrie gründenden Logik konstruiert. Die Nähe zur konstruktiv-konkreten Kunst scheint augenfällig, wobei der Künstler selbst wiederholt betonte, nichts mit den Zürcher Konkreten gemein zu haben. Da viele seiner Arbeiten wie Denkmodelle anmuten, ist auch eine gewisse Nähe zur konzeptuellen Kunst nicht von der Hand zu weisen. Dies lässt sich besonders gut an seinem zeichnerischen Hauptwerk nachvollziehen, dem Granwehrschen Theorem, einer auf der Zahlenfolge 3, 4, 5, 6 basierenden harmonikalen Ordnung, die der Künstler in den Ziffern der Jahreszahl 1998 entdeckte. Fasziniert von der Harmonie, die sich durch die Doppelung, Division, Addition und Umkehrsubtraktion von 3, 4, 5 und 6 ergibt, führte Granwehr 1998 diverse Gleichungen zusammen: 33 + 44 + 55 + 66 = 198; 198: (3 + 4 + 5 + 6) = 11; 1998: (3 + 4 + 5 + 6) = 111; 951 – 753 = 198; 357 – 159 = 198 etc.

Um die Jahrtausendwende brachte Granwehr seine Beobachtungen mit Bleistift und Lineal zu Papier, indem er sie in verschiedenen Mass- und Winkelverhältnissen, Rotationen und Achselspiegelungen erprobte. Bis kurz vor seinem Tod arbeitete er obsessiv und unermüdlich daran weiter – mit bis zu acht Blättern am Tag. Gegliedert sind diese in Folgen von jeweils 32 Blättern, die er sorgfältig in Kartonschachteln archivierte oder als Papierstapel in seinem Atelier deponierte und nur selten öffentlich präsentierte.

Im zweiten Ausstellungsraum sind nun 12 der über 600 Serien zu sehen. Eine Reihe von Vorstudien, mit denen Granwehr zu seinen Bildlösungen gelangte, sowie einige Manuskriptseiten seiner selbst verfassten Sätze, die an konkrete Poesie erinnern, geben Einblick in sein künstlerisches Denken. So nüchtern und klar konstruiert die Bleistiftzeichnungen aus seinem Theorem auch erscheinen, sie täuschen nicht darüber hinweg, dass Granwehr auch vom Irrationalen fasziniert war, von der Zahlenmystik etwa. Dass rationale Ordnung schnell ins irrationale Chaos kippen kann, war ihm durchaus bewusst. 1991 formulierte er in seinen Sätzen: "Ordnung ist der Saum des Chaos". Neun Jahre später kam er zu dem Schluss: "Ordnung ist das, was absolut direkt ins Chaos führt. Je mehr Ordnung man hat, desto mehr Chaos gibt es." 

Der dritte Ausstellungsraum ist Granwehrs mittelformatigen, weiss bemalten Vierkantholzmodellen gewidmet, die zwischen 1980 und 1995 entstanden. Auch wenn nur wenige von ihnen als Grossplastiken umgesetzt wurden, bestehen die Modelle in seinem Œuvre als autonome Kunstwerke. Jeder einzelnen seiner in sich geschlossenen Werkfolgen liegt eine abstrakte Problemstellung zugrunde, die Granwehr – analog zum zeichnerischen Schaffen – auf der Basis von Zahl, Mass und Proportion systematisch untersuchte. "Angulon", so der Titel der Arbeiten, in denen sich Granwehr mit verschiedenen Winkelverhältnissen auseinandersetzte, bildet die grösste Werkguppe unter den Vierkantholzmodellen.

Rhythmische Zahlen- und Winkelsysteme bilden auch die Grundlage für die plastisch verdichteten, an Architekturmodelle erinnernden Arbeiten der Werkserie "Winkelweit", von denen vier Exemplare im vierten Ausstellungssaal auf speziell für sie gefertigten "Idealsockeln“ Granwehrs präsentiert werden. Weiter im Raum befinden sich mehrere plastische Entwürfe aus Messingdraht (Vorstudien zu seinen exakt ausgeführten Vierkantholzmodellen) sowie ausgewählte Fotografien, die Granwehrs Grossplastiken im öffentlichen Raum in und um Zürich dokumentieren.

Die Ausstellung im Haus Konstruktiv, die in enger Zusammenarbeit mit dem Team vom Nachlass Granwehr konzipiert wurde, führt ein in den Granwehrschen Kosmos, in dem sich der Künstler gleichermassen als planvoll-systematischer Plastiker, als Zeichner und als Zahlenmystiker erweist

mhk

Kuratorinnen:

Sabine Schaschl und Evelyne Bucher

Kontakt:

https://www.hauskonstruktiv.ch/deCH/ausstellungen/ueberblick/jahresprogramm-2021.htm

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